Alle Dinge hängen zusammen

Beitrag 7 von 8 der Artikelserie: Das Runde muss ins Eckige
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Der „Lernen mit Gefühl“- Artikel hat wie erwartet eine Diskussion ausgelöst, die zeigt, dass das mit den Lernquadranten nicht so leicht ist.

Das Leben ist ein langer, endloser Fluss

Das Leben legt keine Pause ein, Verhalten auch nicht. Der Hund verhält sich immer irgendwie und auch das müsst ihr im Training beachten. Wenn ihr euch beispielsweise entscheidet, ein Verhalten durch negative Verstärkung aufzubauen, müsst ihr euch im klaren sein, dass ihr dazu irgendetwas einsetzen müsst, dass der Hund vermeiden möchte. z.B. lehren einige Hundetrainer „Sitz“ wie folgt:

  • der Hund steht am Halsband angeleint neben dir
  • du ziehst die Leine senkrecht nach oben
  • der Hund setzt sich
  • du lässt die Leine locker

Der Hund setzt sich, weil er dabei durch die etwas veränderte Kopfhaltung den Zug am Halsband ein bisschen lockern kann. Verstärkt wird das Hinsetzen, weil der Zug am Hals umgehend aufgehoben werden soll.

Abgesehen davon, dass gerade Einsteiger ins Hundetraining dieses nicht mit dem absolut wichtigem richtigen Timing hinbekommen, wird der Hund durch den Zugaufbau am Halsband positiv für ein anderes Verhalten bestraft – nämlich für das „neben dir stehen“.

Das ist auch nicht vermeidbar, weil der Hund sich ja immer „verhält“. Wenn der Trainer am liebsten über negative Verstärkung arbeitet, läppert sich da so einiges an Verhalten (auch an gewünschtem Verhalten!) zusammen, was mit aversiven Konsequenzen verknüpft wird.

  • Aufbau von Sitz aus dem Platz durch Zug am Halsband = Platz wird bestraft
  • Aufbau von Platz aus dem Sitz durch Zug am Halsband nach unten = Sitz wird bestraft
  • Aufbau von Steh (Aufstehen aus dem Sitz oder Platz) durch Zug am Halsband nach oben/vorne = Sitz/Platz wird bestraft

Ich könnte die Liste noch endlos weiter führen. Es geht kaum sinnbefreiter: da wird ein gewünschtes Verhalten bestraft, um ein anderes aufzubauen und das in der Lernphase auch noch abwechselnd…

Nichts ist entweder – oder

Wenn ihr mit Futterbelohnungen arbeitet, funktioniert das nur, wenn der Hund das Bedürfnis hat, zu fressen. Deshalb argumentieren einige, dass man beim Einsatz von Futter auch mit negativer Verstärkung arbeitet, denn schließlich wird „Hunger gestillt“. Es wird nämlich ein unangenehmes Gefühl reduziert – genau wie beim Distanzaufbau zu Angstauslösern oder Zug-Nachlassen am Halsband bei obigem „Sitz“- Beispiel.

Umgekehrt argumentieren manche, dass „Distanz geben vor Angstauslösereizen“ als Belohnung für gewünschtes Verhalten ja auch positive Verstärkung sei, weil ja Distanz vergrößert/gegeben wird.

Und ist es eigentlich negative oder positive Bestrafung, wenn man den Hund an der Leine von etwas wegzieht, was er haben möchte? (Zug an der Leine wäre positive Bestrafung, vorenthalten einer gewünschten Konsequenz negative Bestrafung…)

Die Quadranten der Lerntheorie sind nur die Grundlage

Natürlich müsst ihr die Grundlagen der Lerntheorie kennen. Das ist wichtig, damit ihr beurteilen könnt, ob ein vorgeschlagener Trainingsaufbau geeignet ist oder nicht.

Aber es reicht nicht aus, einen Trainingsaufbau einfach nur danach zu beurteilen, in welchen Quadranten er oberflächlich zu gehören scheint. Denn es ist kaum möglich, immer nur ganz genau einen Quadranten einzusetzen – die Frage ist, in welchem Dosierungsverhältnis sie zum Einsatz kommen.

Da gibt es Trainer, die setzen Futter als Belohnung ein. Toll, positive Verstärkung. Aber ist es immer noch so toll, wenn der Hund den Tag davor (oder sogar noch länger) kein Futter bekommen hat?

Auch der Kontakt mit dem Menschen wird als Belohnung eingesetzt. Das ist natürlich in Ordnung, sofern der Hund nicht den ganzen Tag alleine im Zwinger sitzen muss, damit ihm dieser Kontakt auch Motivation genug ist!

Beide Beispiele gehören zwar in den Quadranten „positive Verstärkung“ – sind aber aufgrund des Aufbaus über Entzugs nicht zu empfehlen!

Überprüft Trainingsbeschreibungen immer auch auf solche versteckten Faktoren – sie haben oft sehr großen und sehr unerwünschten Einfluss auf das Lernen und die Lebensqualität des Hundes!

 

10 Antworten

  1. avatar Susan Schulze sagt:

    Ein sehr schöner Artikel!

    Einen Gedanken habe ich aber dazu, weil mir das sehr oft im Zusammenhang mit „Trainieren statt dominieren“ auffällt (und meine das nicht negativ, es regt mich nur immer wieder zum nachdenken an):

    Mit einem satten Hund (gibt es das? ;-) ) lässt sich schwer über Futtermotivation arbeiten. Tagelang hungern lassen ist natürlich nicht in Ordnung, keine Frage.
    Wir empfehlen Welpenbesitzern aber beispielsweise oft, das die Morgenration am Tag der Welpenstunde nicht gegeben wird und stattdessen beim Training als Belohnung eingesetzt wird.

    Ist das falsch/verwerflich/nicht Tsd-konform?

    Viele Grüsse
    Susan

  2. avatar Janin sagt:

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    Tolle Sache. Gut geschrieben, wunderbar aufgeklärt. Obwohl hier bestimmt einige Köpfe rauchen. Aber das sollen sie ja auch. Nur weiter so, komme immer wieder gerne hier vorbei!

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  3. avatar Susan Schulze sagt:

    🙂

  4. avatar Gast sagt:

    karen pryor hat das schön beschrieben. sie hatte damals als sie in den 60′ jahren anfing als trainerin, das immer wieder gehört mit der futterdeprivation. und sie meinte sinngemäss, es wäre eine sache des trainings ob der hund motiviert sei, und nicht des futterentzuges. dem stimme ich zu. wenn das training beknackt ist und nichts passt oder stimmt, vom timing zu den kontingenzen und den verstärkern, dann wird daraus nix gescheites werden.

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