Die willenlose Konditionierungsmaschine

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Neulich bin ich über den Artikel „Den Hund einfach Hund sein lassen?“ von Sybille Ehlers gestolpert. Darin geht es um einen Vorwurf mit dem sich viele Trainer herumschlagen müssen, die mit positiver Verstärkung arbeiten: Durch Training über positive Verstärkung (insbesondere Markertraining) werden Hunde zu willenlosen Konditionierungsmaschinen.

Werden Hunde durch Clickertraining zu willenlosen Konditionierungsmaschinen?

Hundehalter können sehr leicht auf die Idee kommen, dass Hunde durch Clickertraining zu willenlosen Konditionierungsmaschinen werden. Denn in der „Clicker-Fachsprache“ kommt das Wort „konditionieren“ sehr oft vor. Da wird der Clicker konditioniert, dann wird Verhalten konditioniert, und dann werden auch noch Signale konditioniert. Das klingt alles sehr theoretisch, wenig alltagstauglich und auch danach, dass der Hund gar nicht mehr machen darf, was er möchte: dass er gar nicht mehr Hund sein darf.

Die Macht der Worte

Obwohl „konditionieren“ also der richtige Fachbegriff ist, schreiben wir auf Markertraining statt dessen oft lernen oder üben oder trainieren – je nach Zusammenhang. Denn „konditionieren“ heißt erstens „lernen“ und zweitens möchten wir genau diese oft unbewusst entstehende Vorstellung von „Konditionierungsmaschinen“ vermeiden. Denn natürlich wollen wir keine Maschinen. Im Gegenteil, wir wollen selbstständig denkende Hunde, die sich selber dafür entscheiden, die von uns gewünschten Verhalten zu zeigen, weil sie gelernt haben, dass sie sich lohnen.

Lernen schließt selbstständiges Denken nicht aus

Für viele Hundehalter scheint „selbstständig Denken und Handeln“ im Gegensatz zu stehen zu „etwas gelernt haben“. Vielleicht kommt das dadurch, wie wir früher in der Schule „gelernt“ haben: Fakten auf Karteikärtchen schreiben, auswendig lernen und so wiedergeben, wie der Lehrer es hören möchte. Das funktioniert in der Schule super um gute Noten zu bekommen, aber wieviel können wir von dem so gelernten tatsächlich im Alltag umsetzen?

Gelerntes können wir nur im realen Leben anwenden, wenn wir den Zusammenhang verstanden haben und in der Lage sind, das Wissen auf reale Situationen anzuwenden.

Natürlich brauchen die Hunde nicht zu lernen, dass sie mit dem Dreisatz den Preis von 3 Litern Benzin heraus bekommen können, wenn sie den Preis von 10 Litern kennen. Es wäre doch aber schön, dass sie z.B. immer von alleine an der Bordsteinkante stehen bleiben und auf ein Freigabesignal warten, bevor sie auf die Strasse laufen.

Clickerhunde denken kreativ

Kreativität zeichnet sich dadurch aus, dass man gelerntes auf neue Situationen anwenden kann. Clickerhunde machen das ständig. Wenn sie z.B. gelernt haben, dass „Sitz“ in vielen Situationen sehr lohnenswert ist, bieten sie dieses Verhalten gerne an – auch in Situationen, die für sie neu sind.

Der Crispel hat schon als Welpe einen Pfeifenrückruf gelernt. Wenn wir mit anderen Hundehaltern unterwegs waren, wurden manchmal die anderen Hunde zurückgepfiffen. Wenn er auch kam, gab es immer eine großzügige Belohnung. Das hat dazu geführt, dass er immer zu mir kam, wenn er einen Pfiff gehört hat, auch wenn der gar nicht aus meiner Richtung kam.

Der Crispel hat auch gelernt, sein „ich muss mal raus“-Verhalten zu zeigen, wenn er auf einen Platz auf dem Sofa möchte, der gerade vom Gandhi „besetzt“ ist. Ich bin nämlich so konditioniert, dass ich bei diesem Verhalten dann frage: „Musst du mal raus?“ – worauf der Gandhi aufspringt und zur Tür läuft: Weg gegangen – Platz vergangen! Kreative Anwendung eines Verhaltens, das eigentlich nichts mit „ich möchte mit aufs Sofa“ zu tun hat.

Wer kreativ ist, kann nicht willenlos sein!

Hunde bieten Verhalten an, dass sich lohnt. Bis zu einem gewissen Grad machen sie das natürlich auch unbewusst. Sobald sie aber anfangen, gelerntes Verhalten kreativ einzusetzen, kann das nicht „willenlos“ sein.

Interessanter Weise bezeichnen manche Menschen Hunde als manipulierend, wenn sie Verhalten zeigen, die sich für sie in der Vergangenheit gelohnt haben.

Für mich ist genau das ein Trainingsziel: dass der Hund gelerntes Verhalten kreativ einsetzt, um Belohnungen zu erhalten.

12 Antworten

  1. avatar Jason sagt:

    Einmal mehr ein toller und treffend geschriebener Artikel. Es ist doch einfach immer wieder wunderschön, die Kreativität unserer Hunde zu erleben, aber genau so schön, wenn sie auch die Dinge gerne tun, die wir von Ihnen wollen.
    Ich frage mich aber auch, weshalb der Aufbau eines Meideverhaltens oder das Lernen etwas zu Tun oder Unterlassen auf einem anderen als dem hier beschriebenen Weg nicht auch Konditionierung sein soll.

  2. avatar Monika Oberli sagt:

    Einmal mehr ein genialer und treffend geschriebener Artikel.
    Es ist doch einfach immer wieder wunderschön, die Kreativität unserer Hunde zu erleben, aber genau so schön, wenn sie auch die Dinge gerne tun, die wir von Ihnen wollen.

    Ich frage mich aber auch, weshalb der Aufbau eines Meideverhaltens oder das Lernen etwas zu Tun oder zu Unterlassen nicht auch Konditionierung sein soll, wenn es anders als hier beschrieben beigebracht wird.

  3. avatar Monika Oberli sagt:

    Upps, nun ist der 1. Eintrag doch da – darfst den Eintrag von Jason aber gerne wieder löschen 🙂

    Ja, für mich ist dies genauso eine Form der Konditionierung. Der wesentlichste Unterschied liegt in der Wahl der Mittel und der Philosophie um das gewünschte Lernziel zu erreichen….und was noch viel wichtiger ist, wie sich die Betroffenen (hier Mensch und Hund) dabei fühlten.
    Wenn man aber denjenigen zuhört, die sich über den Clicker und die positive Ausbildungsphilosophie mokieren, könnte man meinen, nur hier würde konditioniert.

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