Glaubenssätze – Argumente zwecklos

Aktualisiert am 29.09.2014
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Energien einteilen

Ich überlege mir immer wieder gut, ob ich mich auf eine Diskussion mit Menschen einlasse, die nach eigenen Worten „gewaltfrei“ arbeiten, aber Hunde hemmen, bedrohen und anzischen.

Wenn ich den Eindruck habe, sie wollen tatsächlich diskutieren, dann suche ich den Austausch. Merke ich allerdings, dass es nur darum geht, den Einsatz von Gewalt zu rechtfertigen bzw. zu erklären, warum Hemmen, Bedrohen und Anzischen keine Gewalt ist, dann breche ich die Diskussion ab.

Denn dann geht es um Glaubenssätze – Argumente haben da keine Chance.

Glaubenssätze

Glaubenssätze

Wir entwickeln Glaubenssätze, indem wir unsere Erfahrungen mit der Welt und den anderen Menschen verallgemeinern. D.h. sie sind eine mögliche Sicht der Dinge, aber eben nicht die Wahrheit.

Und doch bilden sie unsere eigenen subjektiven „Wahrheiten“, von denen wir fest überzeugt sind. Sie bestimmen unser Denken, Fühlen und Handeln.

Aber welche Erfahrungen generalisieren wir? Einige übernehmen wir „fertig“ durch unsere Sozialisation, andere bilden wir im Laufe unseres Lebens durch die Erwartungen uns wichtiger Menschen.

Glaubenssätze sind nicht zu widerlegen

Glaubenssätze werden in der Regel nicht hinterfragt. Selbst wenn man andere Erfahrungen macht oder Gegenbeispiele genannt werden, verändert sich nichts. Diese Gegenbeispiele werden einfach als Ausnahmen bezeichnet. Man kommt Glaubenssätzen mit logischen Argumenten nur schwer bei.

Wenn wir etwas glauben, dann verhalten wir uns so, als sei es wahr. Deshalb sind Glaubenssätze auch so schwer zu widerlegen – sie bilden einen sehr starken Filter und alles was passiert, wird so interpretiert, dass der Glaubenssatz bestätigt wird.

Können Leichen bluten?

Robert Dilts erzählt dazu eine kleine Geschichte:

„Ein klassisches Beispiel dafür [für einen Glaubenssatz, Anmerkung der Autorin] ist die des Menschen, der glaubt, er sei eine Leiche. Er isst nicht und geht nicht zur Arbeit. Es sitzt einfach die ganze Zeit über da und behauptet, er sei eine Leiche.

Der Psychiater versucht, den Mann davon zu überzeugen, dass er nicht wirklich tot ist. Sie streiten lange über diese Frage. Schließlich sagt der Psychiater: „Können Leichen bluten?“

Der Mann denkt einen Augenblick nach und sagt dann: „Nein. Weil alle Körperfunktionen zum Stillstand gekommen sind, kann eine Leiche nicht bluten. “

Daraufhin sagt der Psychiater: „Also gut, dann wollen wir jetzt einmal ein Experiment machen. Ich werde eine Nadel nehmen, Ihnen damit in den Finger stechen und schauen, ob er blutet.“

Da der Patient ja eine Leiche ist, kann er nicht viel dagegen einwenden. Der Psychiater sticht ihm also eine Nadel in den Finger und der Finger des Mannes fängt zu bluten an. Der Patient schaut sich die Sache völlig verblüfft an und ruft aus: „Verdammt! Leichen bluten tatsächlich!““

Aus: Dilts, Robert B.: Die Veränderung von Glaubenssystemen. NLP Glaubensarbeit. Paderborn 1993, S. 23

 

15 Antworten

  1. Das ist ein treffender und sehr gelungener Beitrag! Und er macht viele derzeit laufende Diskussionen schlicht überflüssig. Die Zeit kann man nutzen, gute Texte zu schreiben, mit den Hunden, mit der Familie etwas zu tun und sich um die Menschen zu kümmern, die in unserer Welt leben.

    Du siehst die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie du bist. 🙂

  2. avatar Katrien sagt:

    Glaubenssätze zu hegen und zu pflegen ist sehr bequem und auch einfach. Sie zu durchbrechen und ab zu lösen bedarf Willenskraft, Lust neues zu Lernen, die Möglichkeit um zu denken. Flexibilität, großflächigeres Denken, weitere Horizonte, ein expandiertes Neuronennetz… aber es macht Spass. Ein Leben lang.

  3. avatar Simone sagt:

    Guter Beitrag!

  4. avatar Markus sagt:

    Tauscht man Glaubenssatz gegen Hypothese hat man Poppers Lehre der sich selbst immunisierenden Theorien, soweit nichts Neues, soweit meine Zustimmung.
    Interessant ist jedoch, dass diese Therorie nicht auch auf die eigenen Glaubenssätze angewendet wird: „warum Hemmen, Bedrohen und Anzischen keine Gewalt ist, dann breche ich die Diskussion ab“. Ich möchte die erste Aussage nicht bewerten, denn da bin ich ein Suchender, aber der zweite Teil zeigt, dass die Autorin eben jenen Fehler macht , den sie sehr schön in diesem Artikel schildert: ihre Meinung ist richtig, und wer sie nicht versteht, liegt falsch … Nichts anderes bedeutet „dann breche ich ab“. Mir ist klar, dass jetzt als Antwort etwas von „neuesten Erkenntnissen“ und „schon oft versucht“ kommt.
    Nur was wäre, wenn es noch neuere Erkenntnisse gibt? Was wenn sich die aktuellen als falsch erwiesen? Die Autorin würde es nie erfahren, da sie kategorisch ablehnt Andersgläubigen zuzuhören.

    Es tut mir aufrichtig leid, aber genau dieser Dogmatismus ist es, der mich an bislang jeder Erziehungstheorie für Hunde hat zweifeln lassen: was wenn ein Hund nicht aus dem Beutel frisst, was wenn ein Hund ich für Leckerchen nur auf dem Heimischen Rasen und der Hundeschule interessiert? Was wenn ein Hund eher auf Zuwendung als auf Marker reagiert? Was wenn ein Hund seinen Genen folgt anstatt irgend etwas sonst?
    Beispiel: ich bin ca 4 Monate als Pate regelmäßig mit einer Kangal-Hündin unterwegs gewesen. Sie durfte nur mit Maulkorb raus und Männer, die sie halten konnten. Denn, obwohl sie das liebste und leinenführigste Wesen war, das absolut niemanden bedrohte und nichts aus der Ruhe bringen konnte, kam ein anderer Hund, wurde er beobachtet, sobald er gesehen, gehört oder gerochen wurde. kam er und bis auf wenige Meter ran, schaltete sie auf Schutzmodus und war nicht mehr zu bändigen. Das ging zwei Monate so, dann begegneten wir einer anderen Patin, die sie gut kannte mit einem Hund. Noch bevor der ganze Trubel los ging, sprach ich die andere Patin an und wir unterhielten uns. Meine HSH machte gar nichts, ließ sich Leckerchen geben und muckte nicht als der andere Hund öfters welche bekam. Selbst das Zähnefletschen und Knurren des Gegenübers wurden ignoriert.
    Ich habe lange über dieße Begegnung nachgedacht, als es kurz drauf eine ähnliche gab, ging mir ein Licht auf: ich wurde beschützt. Da ich mich mit den anderen Leinenführern aber völlig gelassen unterhielt, verlor die Situation ihre Bedrohlichkeit für die Hündin. Ich vertraute dem anderen Menschen, sie vertraute mittlerweile mir: für sie selbst bestand eh nie Gefahr. Der andere Hund konnte also ignoriert werden. – ihre Sicht nicht meine.
    Worauf will ich hinaus? Auch das ist eine gewaltfreie Form, die das gewünschte Verhalten beim Hund hervorruft. Auch hier waren viele viele Wiederhohlungen notwendig. Aber Leckerchen, Makern und Ersatzhandlungen hätten und haben nie zum Ziel geführt, sondern nur Beobachtung, Zufall und die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt. Meine Erklärung war und ist, dass ein HSH in erster Linie ein Schutzhund ist. Man muss nicht den Hund oder seinen Umgang mit dem Hund sondern die Situation als solche ändern.
    Diese Form der Individualität fehlt mir. Überall gibt es Allheilmittel überall strikte Verbote nirgends ein Individuum. Warum können Hunde nicht haben, was wir mit allen Mitteln für uns einfordern? Was ist falsch daran, wenn ein schilchtes, deutliches aber ruhiges „nein“ verhindert, das der Hund sich mal wieder vor die Türe legt und sie deshalb in wenigen Minuten vor den Kopf bekommt? Was ist falsch an dem Verbot, wenn es hilft, wo Decken, Knochen und „hier“ versagen?

    Ganz ehrlich Leute: auf der Suche nach einem vernünftigen Ansatz, könnte ich verzweifeln, und so nett eurer auch sein mag, der Dogmatismus schreckt mich ab, eine Trainerin zu suchen, die diesen verfolgt. Trotzdem mein aufrichtiger Dank an die Verantwortlichen dieser Homepage, denn diese Seite ist eine Goldgrube für Ideen und Tipps. Die, nicht dogmatisch betrachtet, wirklich hilfreich sind.

    • Hallo Markus,

      du täuschst dich, da kommt nichts von „neusten Erkenntnissen“ *lach*.

      Es ist grundsätzlich erst einmal eine ethische Entscheidung, die mich dazu bringt, Hunde nicht einzuschüchtern und körpersprachlich zu bedrohen. Auch ich habe das früher mal anders gemacht.

      Und dann ist es eine persönliche Entscheidung: ich mag meine Zeit nicht an EnergiefresserInnen verschwenden. Ich muss nicht jede Diskussion geführt haben.

      Es wird ganz sicherlich immer wieder neue Erkenntnisse geben, die das Lernen mit Hund verändern, aber die berühren diese grundsätzliche Haltung nicht.

      „Es tut mir aufrichtig leid, aber genau dieser Dogmatismus ist es, der mich an bislang jeder Erziehungstheorie für Hunde hat zweifeln lassen: was wenn ein Hund nicht aus dem Beutel frisst, was wenn ein Hund ich für Leckerchen nur auf dem Heimischen Rasen und der Hundeschule interessiert? Was wenn ein Hund eher auf Zuwendung als auf Marker reagiert? Was wenn ein Hund seinen Genen folgt anstatt irgend etwas sonst?“

      Du hast dich ja auf unseren Seiten schon umgeschaut. Du wirst viele Möglichkeiten finden, wie du mit einem Hund arbeiten kannst, der keine Leckerchen nimmt oder „seinen Genen“ folgt. Eva hat z.B. in ihrer Serie zum JET toll beschrieben, wie sie Verhalten aus der Jagdsequenz als Verstärker einsetzt.

      Du schreibst „Man muss nicht den Hund oder seinen Umgang mit dem Hund sondern die Situation als solche ändern.“

      Genau das ist doch auch unser Ansatz: wir schaffen im Training ein Umfeld, das dem Hund zeigt, dass z.B. andere Hunde nichts Bedrohendes sind und der Hund (und HalterIn) verändern Schritt für Schritt ihre Emotionen und damit auch ihr Verhalten in dieser Situation.

      Da werden immer individuelle Lösungen gesucht.

      Aber in einem hast du natürlich Recht, wir sind in einem Punkt dogmatisch: Keine physische oder psychische Gewalt in der Ausbildung.

  5. avatar margot sagt:

    was mir an glaubenssätzen so gut gefällt, ist, dass die immer nur die anderen haben. http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif

  6. Es ist einfach sehr schwierig, den eigenen Glaubenssätzen auf die Spur zu kommen. Es handelt sich meist um ein Glaubenssatz-Geflecht und wird „nur“ ein Glaubenssatz am Rand „geknackt“, verändert sich nicht wirklich was.

    Dazu ist es nötig, den Kern-Glaubenssatz aufzuspüren und zu verändern.

  7. avatar Marina sagt:

    Du schreibst mir fast aus der Seele, Markus – auch mich stört diese Form von Dogmatismus. Auch mir fehlt die Form der Individualität.
    Obendrein arbeite ich mit Menschen und erlebe immer wieder, dass sich Glaubenssätze aufspüren und verändern lassen – wenn man ihnen auf Augenhöhe und in ihrem Tempo begegnet, sei es Mensch, sei es Hund.

    Ich übe mit anderen die gleiche Nachsicht wie mit mir 😉

  8. Ich verstehe nicht, wo ihr den Dogmatismus seht. Mit anderen „Nachsicht“ zu üben heißt doch nicht, dass ich mit ihnen über alles und jedes diskutieren muss.

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