Lernen mit Gefühl

Beitrag 6 von 8 der Artikelserie: Das Runde muss ins Eckige
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Jetzt weißt du also, dass „positiv“ heißt, dass etwas hinzugefügt wird. Im Gegensatz dazu wird bei „negativ“ etwas entfernt oder vorenthalten.

Bei Verstärkung wird ein Verhalten stärker und bei Strafe wird es schwächer.

Alles klar?

Leider halten sich nicht alle Hundetrainer an diese Definitionen. Um dich nicht zu verwirren, werde ich in diesem Artikel jedoch keine anderen Definitionen anführen.

Zudem gibt es Trainer, die die Quadranten der Lerntheorie nach ethischen Grundsätzen in gut und „böse“ einteilen. Aber die Definitionen enthalten keine Wertung. Klar wird das spätestens bei dieser Frage: Kann man mit positiver Verstärkung Angstverhalten verstärken? Geht nicht?

Natürlich kann man Angstverhalten dadurch stärker machen, dass man etwas hinzufügt. Nämlich wenn das etwas ist, wovor der Hund noch viel mehr Angst hat.

Beispiel 1: Der Hund hat Angst vor fremden Passanten. Wenn einer zu nahe kommt, fängt der Hund an zu bellen.

Der Trainer gibt die Anweisung, immer wenn der Hund bellt, mit der Schepperdose zu klappern. In der Folge bellt der Hund auf immer größerer Distanz. Das Verhalten wird stärker. Dann ist es ganz klar: das Bellverhalten wurde positiv verstärkt.

Und was ist, wenn der Hund nicht mehr bellt, weil er mehr Angst vor der Schepperdose als vor den fremden Menschen hat? Das Bellen wurde positiv bestraft. Aber die Angst vor Passanten wurde natürlich nicht schwächer, denn jetzt kündigt das Auftauchen von Passanten zusätzlich die noch schlimmere Schepperdose an.

Beispiel 2: Der Hund hat Angst vor fremden Passanten. Wenn einer zu nahe kommt, fängt der Hund an zu bellen.

Der Trainer gibt die Anweisung: Clicke und gib ein Superleckerchen, wann immer er einen Passanten entdeckt, auch wenn der Hund bellt. In der Folge bellt der Hund weniger und/oder der Passant kann viel näher kommen, bevor der Hund anfängt zu bellen.

Du hast was hinzugefügt und das Bellverhalten wurde weniger. In diesem Fall wurde das Bellen weniger, weil die Passanten zur Ankündigung von tollen Belohnungen, also zu etwas Gutem wurden.

Noch einmal mit Gefühl

lernquadranten-nach-homer-simpson1 Guck‘ also nicht einfach nur auf die Begriffe. Viel wichtiger ist zu wissen, welches Gefühl die jeweilige Konsequenz beim Hund auslöst. Will er mehr davon? Oder will er sie unter allen Umständen vermeiden?

Einige Trainer haben daher die Quadranten der Lerntheorie erweitert. Danach gibt es ängstigende/schmerzende (positive) Strafe, frustrierende (negative) Strafe, erleichternde (negative)Verstärkung  und befriedigende (positive) Verstärkung. Dadurch wird sofort viel anschaulicher, wie die Konsequenzen auf den Hund wirken.

Auch die Dosis ist wichtig

Auch die „Dosierung“ des jeweiligen Quadranten hat großen Einfluss darauf, was der Hund lernt und wie er sich dabei fühlt.

Im Artikel über die negative Verstärkung hatten wir die Beispiele mit dem Zwangsapport und dem Erlassen der Hausarbeit für den Sohn. Beides ist negative Verstärkung, aber bei welchem wird der Schüler sich wohl besser fühlen?

Und natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob „Positive Bestrafung“ aus einem „strengen Fräulein-Rottenmeier-Blick“ besteht, oder aus einem kraftvollen Ruck am Stachelhalsband, wodurch der Hund sich dreimal überschlägt.

Sogar positive Verstärkung kann unter ungünstigen Umständen sehr frustrierend für den Hund sein: wenn die Belohnungsfrequenz zu niedrig ist, oder der Hund nicht herausbekommen kann, welches Verhalten nun belohnt wird, oder wenn der Hund die Belohnung nicht besonders befriedigend findet.

Z.B. wird es für den Hund sehr schwierig herauszufinden, dass er an lockerer Leine laufen soll, wenn das Ziehen zwar immer mit Stehenbleiben bestraft wird, das Gehen an lockerer Leine aber kaum und/oder mit etwas belohnt wird, was der Hund in der Situation nicht mag.

 

29 Antworten

  1. avatar Antje sagt:

    Martina, warum hast Du das Beispiel mit dem Bellen gewählt? Nur um zu zeigen, dass eine für den Menschen als positive Strafe gewählte Maßnahme für den Hund eine Belohnung darstellen kann?

    Also: Das Scheppern soll das Bellen minimieren, soll also als positive Strafe wirken, bewirkt aber das Gegenteil – Hund bellt stärker/früher – und so wirkt das Scheppern als positiver Verstärker?

    Habe ich Dich da richtig verstanden? Bitte klär‘ mich auf.

    • avatar Antje sagt:

      Oder meinst Du das so, dass der Hund nach ein paar Mal scheppern die Erwartungshaltung hat: Immer, wenn ich einen Menschen sehe, wird’s noch blöder, und ich muss früher bellen, weil ich noch viel gestresster bin als vorher (vor dem Scheppern)?

      • avatar Nicole sagt:

        Positive Verstärkung – etwas Angenehmes wird hinzugefügt – Emotion Freude. Wie ist das mit der Schepperdose gemeint dem Bellen verstärken gemeint? Wie lässt sich das da Einsortieren? Habe da auch gerade einen ziemlichen Knoten.

        Ist der fremde Mensch weiter gegangen (funktionaler Verstärker) und deswegen hat der Hund mehr gebellt (negative Verstärkung) ?

  2. avatar Gast sagt:

    ‚Der Trainer gibt die Anweisung, immer wenn der Hund bellt, mit der Schepperdose zu klappern. In der Folge bellt der Hund auf immer größerer Distanz. Das Verhalten wird stärker. Dann ist es ganz klar: das Bellverhalten wurde positiv verstärkt.‘
    naja, man müsste es testen. hund bellt, scheppern mit der dose, und das bellverhalten müsste dann stärker werden. dann wäre das rascheln ein primärer verstärker. ich vermute das wird nicht eintreffen. in disem fall hat es eher mit sensitivierung zu tun: das geht über das state-system und ist daher zu unterscheiden von habituation, das über das s-r-system geht. diese beiden phänomene gehören nicht zum lernen. siehe domjan, learning and behavior. was der hund lernt ist mensch = gefahr, der mensch als diskriminativer stimulus löst dann das agonistische verhaltenssystem aus, dazu zählt eben bellen. die belohnung wäre dann im rückzug der gefahr zu sehen. mach ein experiment: hund bellt, click und weg gehen. wird es mehr habe ich recht. wenn nicht, dann liege ich falsch.

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