Märchenstunde – Da muss der durch!

Aktualisiert am 06.06.2013
Beitrag 4 von 18 der Artikelserie: Märchen aus der Hundeerziehung
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Wie oft hören wir diesen Satz von Hundehaltern?

Mir passiert beim Spazieren oft folgende Situation: Ich treffe auf andere Halter samt Hund. Auf die Frage, warum ich meinen Hund festhalte und keinen Kontakt zulasse, antworte ich, dass mein Hund sehr grob spielt und nicht der Meister der höflichen Annäherung ist. Und was bekomme ich zur Antwort? „Ach, da muss meiner durch!“

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Was passiert?

Nun stelle ich mir vor, wie ein netter Hund von ca. 10 Kilo voller Freude zum Spaziergang samt Besitzer aufbricht. Dann kommt da so ein ungehobelter Bolzen von 32 Kilogramm daher und walzt den in Grund und Boden. Und da muss er durch? Warum?

Er hat körperlich keine Chance, dem irgendetwas entgegen zu setzen. Auch Wegrennen hilft oft nicht, weil mein Grobmotoriker auch noch schnell ist. Ich finde das für den unbeteiligten Hund völlig überflüssig und als Erfahrung auf einem Spaziergang so nötig wie einen Kropf. Auch wenn ich bemerke, dass der andere Hund im Spiel dann doch unsicher wird, beende ich freundlich die Situation.

Wo der Hund so überall durch muss…

Betrachten wir mal eine Woche im Leben eines Hundes. Er bekommt das Futter, welches wir ihm hinstellen. Wir bestimmen, wo er spazieren gehen kann. Wir walten über Kontakte zu Artgenossen und zu anderen Menschen. Wir fahren irgendwo hin und nehmen ihn mit.

Wir fragen vorher nicht, was er davon hält. Gut, das geht auch nicht im Detail, aber wenigstens kann ich überflüssige Situationen vermeiden. Und ich kann ihm Situationen, wo er „durch“ muss, verschönern!

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Situationen verschönern

Suche ich Orte auf, wo der Hund über einen längeren Zeitraum ruhig liegen muss, nehme ich seine Decke von zuhause mit und etwas zu kauen. Besuche ich Spaziergänge mit mehreren Hunden, schaue ich, wie er sich verhält und werfe ihn nicht einfach in die Gruppe und überlasse ihn seinem Schicksal.

Ich bin seine Bezugsperson, von mir erwartet er Schutz! Ich treffe seit Jahren eine Dame, die mit ihrem Bearded Collie joggt. Dieser Hund hat Angst davor, auf andere Hunde zu treffen. Er meidet ganz stark und sucht Wege, riesige Bögen laufen zu können. Frauchen läuft immer einfach weiter und beachtet ihn nicht. Dieser arme Kerl ist dann gleich immer in ZWEI Konflikten: Der andere Hund UND das sich entfernende Frauchen. Zumindest kann ich ihm helfen, indem ich meinen Hund kurz nehme und Platz schaffe.

Zur Zeit besuche ich einige Seminare, die für meinen Hund sehr anstrengend sind. Im Gepäck habe ich seine Kudde, Kausachen, seine Decke, ein Tuch mit Entspannungsduft und einen Napf für Wasser.

Ich lege mich auch zu ihm und lausche von dort aus dem Referenten, Hauptsache mein Hund kann entspannen auf engem Raum mit fremden Menschen und Hunden.

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Achtet mehr auf die Bedürfnisse Eurer Hunde!

Viele Hundehalter sind tatsächlich genervt, wenn der Hund nach 2 Stunden Wartezeit in einer Gitterbox zappelig wird. Oder er im Restaurant sich nicht auf den Fliesenboden legen möchte. Wir können unseren Hunden diese Situationen schon mit recht einfachen Mitteln erleichtern. Wenn wir mal versuchen, unsere Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen und zu überlegen, was dem eigenen Hund helfen könnte.

Ich stelle mir vor, dass mich  meine Bezugsperson mit auf eine Party nimmt, wo ich auf komische Leute treffe, wovon mich zwei blöd anmachen, ich die Räumlichkeiten zu eng finde und meine Bezugsperson sich nur um ihren Spaß kümmert. Der absolute Horror.

 

15 Antworten

  1. avatar Mel sagt:

    Und wenn man darauf achtet darf man sich anhören „boa ist dein Hund ne Diva und anstregend. Darf ich fragen warum du gerade ihn genommen hast?!“

    Nein, darfste nicht. und schüss.http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif

  2. avatar Anja sagt:

    Oh, die mit dem Beardie kenn ich auch! Der arme Hund hat solch eine Angst , das er sich kaum an uns vorbei traut und die Besitzerin rennt einfach immer weiter und überlässt ihn ganz alleine seinem Schicksal. Meine Hunde sind zwar nett , aber was wäre wenn sie anders wären ? Ich mach dem armen Beardie immer Platz, gehe soweit es möglich ist ihm aus dem Weg, das er seinem hirnlosem Frauchen hinterher rennen kann !
    L.g. Anja

  3. avatar sarah sagt:

    Was für ein schöner Artikel!!
    Ich wünschte, ich würde mehr von solchen verständnisvollen Hundehaltern treffen.
    Meist ist es nämlich oft umgekehrt.
    Meiner, 3,1 kg, wird oft umgerannt von Hunden die ca. 20 kg wiegen. 🙁
    Und dann kommt meistens „Ach, der will nur spielen, der ist lieb.“ – Ja, das weiß ich. Trotzdem hat meiner Angst und es tut ihm weh, wenn er umgerannt wird.
    Ich bin deshalb SO vorsichtig geworden, weil mir meiner aus Panik mal aus dem Park abgehauen ist, weil der andere ihm dann auch noch hinterher gerannt ist und nicht abrufbar war. 🙁

  4. avatar Ulla Wies sagt:

    Hallo,
    ganz toller Artikel dessen Inhalt ich voll unterstütze.
    Es ist schön zu lesen was man denkt und fühlt, es einmal wirklich in Worte zu fassen was unser Hund braucht.
    Danke dafür.
    Herzliche Pfotenabdrükce http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gifhttp://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif

  5. avatar Sonnenschein sagt:

    Ich finde den Artikel auch sehr gut ,
    wenn jeder sich in seinen Vierbeiner reinversetzt wäre vieles leichter
    für Halter und Hund.

  6. avatar Silvia sagt:

    Situation: mein Pudelrüde (kastriert) an der kurzen Leine eine Treppe aufwärts um die Ecke kommt von oben ein GROSSER Vizsla Rüde unkastriert an lockerer Leine und will an meine Pudel ran was ihm auch gelingt weil mir der Weg abgeschnitten ist und ich nicht rasch genug weiter gehe kann. Mein Hund lässt kurz (versteift) gewähren beschnuppert zu werden und schneift dann kurz gegen den GROSSEN. Kommentar der Vizsla-Besitzerin: oje, wieder so ein kleiner unfreundlicher Hund….. Da koche ich ….. möchte am liebsten sagen: wieder eine unfähige Hundeführerin. Ich will auch nicht angebunden von irgend einem Fremdling begrapscht werden, da wehre ich mich auch so wie ich kann…. Selbstverteidigung auf hündisch könnte man dem sagen – oder irre ich mich da??

  7. avatar Dietlind sagt:

    Ein toller Artikel!
    Ich bin zwar irgendwie in der entgegengesetzten „Zwickmühle“, aber die Ursachen und die Auswege sind gleich.
    Ich habe einen (potenten) 45kg Hovawart, der sich aber selber für einen Yorkie hält. Vor Hunden über Kniehöhe hat er Angst, dafür spielt er ganz lieb und vorsichtig mit Welpen, Kleinhunden (seine betse Freundin ist ein Malteser-Havaneser-Mix) und auch mit Kindern.
    Mich nerven nur die Führer von anderen Hunden, die sogar wenn wir beim Mantrailing-Training sind, ihre Hunde nicht von meinem abhalten. Dass die Kleinhundebesitzer, die meinen sanften Riesen nicht kennen, erst mal Angst haben, kann ich gut verstehen. Ich nehme ihn dann ins Fuß, gehe auf Gesprächsabstand an den Kleinhundebesitzer ran und frage, ob vielleicht ein Kontakt möglich ist. Die kleinen Hunde haben meist keine Angst – nur die Besitzer :-) .
    Ich denke aber, dass angstfreier Kontakt zu Kleinhunden für meinen Dicken besser ist als erzwungener Kontakt zu gleichgroßen Hunden oder eben gar kein Sozialkontakt.

  8. avatar Simone sagt:

    Sehr schöner Artikel!!
    Es erschreckt mich sehr oft, wie wenig Hundehalter sich die Mühe machen und ihre Hunde beobachten um zu sehen, wie sich ihre Vierbeiner gerade fühlenhttp://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif. Vielen ist gar nicht klar, das ein Hund oft andere Bedürfnisse hat als wir Menschen.

  9. avatar Tanja sagt:

    Ich sehe das etwas zwiegespalten. Ich hab einen AmStaff-Mix, der aufgrund seiner Rasse allein schon durch vieles „durch muss“, dass im Wesenstest abrufbar sein muss und dementsprechend auch im Alltag trainiert wird. Auch ist er nicht besonders glücklich wenn er auf seiner Decke liegen muss und nicht stets und ständig an mir geklebt auffe couch gammeln darf. Ebenso findet er restaurantbesuche doof, auch auf seiner Decke und trotzdem muss er da ab und an durch. Und bezüglich toben gibt es auch da Situationen bei denen ich sag, da muss er durch. Er ist Marke grobmotorische Nervensäge und wenn er mal ne klare Ansage bekommt hat er sie schlicht verdient. Meine Hündin, Dalmi-Boxer-Mix würde es heute vielleicht sogar gar nicht mehr geben, wenn ich nicht ab und an sagen würde da muss sie durch. Sie ist ängstlich aufgrund schlechter Erfahrungen und ist gesegnet mit einem ausgeprägten schutz und kontrollzwang. Der arme Hund musste tatsächlich lernen, das andere Menschen sowohl mein Haus betreten als auch ihren Weg kreuzen dürfen, ich durchaus auch ohne sie Raum und Haus verlasse, andere Hunde auch ein Recht zu leben haben und sie nunmal zur Hundeschule muss. Ich denke man muss abwägen zwischen Stress und Notwendigkeit um ein nicht zu eingeschränktes Leben zu führen. Die Hundehalter, die „Stressfaktoren“ vermeiden, neigen leider häufig dazu Vermeideverhalten an den Tag zu legen bis hin zu erheblichen Einschränkungen im Alltag. Es ist in meinen Augen manchmal nicht zu vermeiden, den Hund „da muss er durch“ zu schicken, aber ich gehe konform es dem Hund so angenehm wie möglich zu machen inkl. manche Situationen intensiv zu trainieren, um das „da muss er durch“ für alle Beteiligten so komfortabel wie möglich zu machen.

    • Es geht überhaupt nicht um Stressvermeidung.
      Der Unterschied ist einfach: Kenne ich die Bedürfnisse meines Hundes? Was kann ich tun, um die Situationen, wo er „durch“ muss ihm so erträglich wie möglich zu machen.
      Dazu muss ich allerdings seine Bedürfnisse erkennen. Und die sind vielen Hundehaltern plump gesagt ziemlich schnuppe.

      Wenn Du weißt, Du musst zum Arzt und dort lange warten, machst Du es dir aus so angenehm wie möglich: Nimmst ein Buch mit, Musik, was zu essen und zu trinken.
      Das kann der Hund nicht, da sollten wir schon für sorgen.

      Und natürlich sollten „Baustellen“ trainiert, werden, gar keine Frage. Aber das Tempo gibt halt der Hund vor, denn mit dem durch schleifen durch blöde Situationen lernt er ja nie, mit diesen umzugehen. Wenn Du „Glück“ hast, kapituliert er, aber er wird innen weiter brodeln und das wird sich ein Ventil suchen.

      Gerade beim Thema Angst ist das ganz wichtig und man muss seinen Hund gut kennen. Gutes Training schafft zu sehen, wieviel kann ich heute üben, wie weit schafft mein Hund das heute und ich habe Notfall-Maßnahmen in petto.

      Und ich weiß wovon ich rede, ich hatte Jahre einen Am.Staff und jetzt einen Angsthund, der im Spiel sehr ruppig ist ;-)I

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