Erfolgreiches Training bei Leinenaggression

Aktualisiert am 13.10.2014
Print Friendly

Leinenaggression ist kein seltenes Problem, aber stressig und unter Umständen sogar gefährlich. Dies ist unser Weg aus dem „Spießrutenlauf“ namens Spaziergang. 

Unsere Hauptbaustelle

Die Leinenaggression ist unsere Hauptbaustelle, an der wir erfolglos mit allerhand Methoden arbeiteten. Seit einiger Zeit können wir aber endlich Erfolge durch das Training mit positiver Verstärkung verzeichnen. Wir, das sind Akashi (Shiba-Rüde, 2,5 Jahre alt) und ich (Studentin, 26 Jahre).

Typischer Verlauf

Die Leinenaggression hat sich bei uns ganz typisch ausgebildet. Zunächst waren es nur wenige problematische Situationen und ich konnte auch noch nicht so richtig feststellen, gegen welche Art Hunde sich dies richtete. Das Problem verschwand, kam wieder, verschwand und kam wieder. Irgendwann verschwand es nicht mehr, sondern manifestierte sich und prägte sich immer stärker aus.  Seitdem trainieren wir konkret an dieser Problematik. Das war vor ca. 15 Monaten.

Lösungsansätze?

Ich habe es ab dann mit unterschiedlichen Methoden probiert. Zunächst mit der Stärkung der eigenen Psyche („Ich schaffe das!“), damit sich meine Unsicherheit nicht auf Akashi übertragen konnte. Danach mit dem Ignorieren der Aggressionen, verschiedenen Rudelführeransätzen und sogar auch der Wasserspritze. Letztlich haben alle Methoden auf ihre Weise das Problem nur verschlimmert.

Ich schaffe das

lena04

„Ich schaffe das!“ sorgte dafür, dass wir das hündische Bedürfnis, nicht direkt auf Artgenossen zulaufen zu wollen, völlig ignoriert haben. Kein Wunder, dass der Stress dadurch immer größer wurde.

Das Ignorieren der Aggressionen führte dazu, dass Akashi immer deutlicher werden musste. Scheinbar verstand ich nicht, dass er diese Situationen so hasst, wie ich sie geschaffen habe. Teilweise hatten wir sogar mit rückgerichteter Aggression zu tun.

„Rudelführer“

Die verschiedenen Rudelführeransätze sorgten auch nicht gerade für eine Verbesserung unserer Beziehung. Auch sie sind dafür verantwortlich, dass ich die Bedürfnisse meines Hundes völlig außen vor ließ. Ich zog eben mein Ding durch. Das war keine gute Idee.

Wasserspritze

Die Wasserspritze tat ihr Übriges, denn durch sie provozierte ich eine Fehlverknüpfung.  Akashi fand nun sehr viele Hunde, die ihm sowieso schon Stress bereiteten, durch das Wasser richtig schlimm.

Der Stresslevel erhöhte sich irgendwann so stark, dass nicht mehr nur bestimmte Rüden, sondern plötzlich auch Hündinnen prophylaktisch angemotzt wurden.

Auf zu neuen Ufern!

Zum Glück entschied ich mich irgendwann, dem ein Ende zu bereiten. Ich merkte, dass wir auf diesem Weg nicht weiterkommen und suchte nach einem neuen Weg.

Positive Verstärkung

Diesen fand ich auch und ich las mich in die positive Verstärkung ein. Mit dem Wissen, dass ich die Situation durch positive Verstärkung nicht schlimmer machen konnte, machte ich mich an die Arbeit. Ich fing damit an ein paar grundlegende und für mich schlüssige Dinge umzusetzen.

Umetikettierung

lena05

Der erste Schritt war die Umetikettierung. Ich musste dafür sorgen, dass Akashi wieder anfängt, andere Hunde positiv wahrzunehmen. Dies schafften wir über den Clicker.

Bei jeder Hundesichtung clickte ich fortan und es gab eine Belohnung. Wir hielten uns dabei immer in Wohlfühldistanz auf. Das ist wichtig, damit der Stresslevel möglichst gering gehalten wird. Lernen findet idealerweise in einem möglichst entspannten Zustand statt.

In brenzligen Situationen nutzte ich die (zugegebenermaßen umstrittene) Clickersalve. Ich clickte ganz häufig, um für positive Gefühle bei Akashi zu sorgen. Im Idealfall konnte ich so ein Kippen der Situation vermeiden.

Clicken in angespannte Situationen ist o.k.

Dabei war es wichtig für mich, zu verstehen, dass man durch das Reinclickern in angespannte oder sogar bereits eskalierte Situationen keinesfalls das unerwünschte Verhalten verstärkt. Der einzige negative Nebeneffekt, der hierbei zu erwarten ist, ist die stückweise Abwertung des Clickers. Teilweise kann nicht nach jedem Click eine Belohnung erfolgen, wenn man schnell und häufig hintereinander clickert/clickern muss. Wenn man nicht darauf angewiesen ist, sollte man also lieber darauf verzichten.

Zeigen & Benennen

Nach ein paar Wochen hatte ich mich über das Zeigen & Benennen genug belesen und startete auch hiermit. Dieses Werkzeug ist mittlerweile eines meiner Lieblingswerkzeuge, denn ich kann Akashi andere Hunde melden, bevor er sie sieht. Dadurch kann er sich auf die Situation vorbereiten. Wir erarbeiten uns außerdem ein Alternativverhalten, das er bei Hundesichtung anwenden kann. So kann er seinen Stress abbauen, statt in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.

Auch Akashi kann mir durch dieses Werkzeug andere Hunde anzeigen und sich dafür eine Belohnung abholen, wodurch wir weiterhin die Umetikettierung unterstützen. Mittlerweile klappt dies schon ganz gut.

Management

Zudem haben wir einige Managementmaßnahmen eingeführt.

  • Hundekontakte (insbesondere mit fremden Hunden) gibt es nicht mehr an der Leine. Es kann allerdings schon sein, dass ich mal die Schleppleine fallenlasse, wenn es sich gerade so ergibt.
  • Im Notfall nehme ich Akashi auf den Arm, um ihn vor anderen (kleinen) Hunden zu schützen, auch wenn diese Maßnahme nicht gerade beliebt bei anderen Hundehaltern ist. Aber ich finde es auch nicht gerade höflich, wenn deren Hunde einfach zu mir gerannt kommen, obwohl ich vorher gesagt habe, dass wir keinen Kontakt möchten.
  • Wir bleiben in Wohlfühldistanz, wo immer dies möglich ist.

Kein Meister fällt einfach so vom Himmel

lena03

Noch sind wir lange nicht am Ziel angelangt und es gibt für uns noch viel zu lernen, z. B. das Vorbeigehen an anderen Hunden an lockerer Leine. Das klappt leider noch nicht zuverlässig bei jedem Hund. Jedoch ist die Leinenaggression auf ein erträgliches Maß gesunken und wir können jetzt unter viel besseren Bedingungen weiter trainieren.

Ein Punkt ist mir noch ganz wichtig: Wir benötigen für das jetzige Training keine Sekunde länger als vorher! Eigentlich trainieren wir sogar weniger. Akashi hat viel mehr Freiraum, weil mir seine Entspannung so viel wichtiger geworden ist.

Besondere Schwierigkeiten bereiten uns bei unserem Training freilaufende, nicht abrufbare Hunde. In den meisten anderen Situationen können wir frühzeitig reagieren und Distanz schaffen, wo es nötig ist.

Jedoch entziehen sich die oftmals „freilaufenden Tutnixe“ genannten Hunde meiner Kontrolle und meist auch der Kontrolle ihrer Besitzer. Falls sie dann noch  zu uns kommen, haben wir erst recht ein Problem.

Die Problematik daran ist, dass wir an der Leinenaggression arbeiten, aber wenn wir mit unserer Königsdisziplin konfrontiert werden, muss ich klar sagen, dass wir noch nicht so weit sind. Schade, dass wir damit leben müssen, dass uns solche Begegnungen ein ums andere Mal wieder im Training hemmen.

Aber wir geben nicht auf und ich bin sicher, dass dieses Problem irgendwann unserer Vergangenheit angehören wird.

12 Antworten

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen. Genau so erlebte und erlebe auch ich solche Situationen. Aber ich bleibe dran an der positiven Bestärkung und die Fortschritte kommen genau so sicher wie auch die Rückschritte nach „freilaufenden Tutnixen“ http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif

  2. avatar YE sagt:

    Super Artikel! Danke!

    http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif

    Wir kaempfen mit dem selben Problem und haben auch von unsreer Trainerin die selben Tips bekommen.
    Unser teenage-Poeber hat sich schon ganz gut getan. Hat noch so seine Momente, aber auch wir kommen da irgendwann mal an 🙂

    Und ja, die unangeleinten Tut-Nixe….

  3. avatar Anika sagt:

    Huhu,
    toller Artikel… Er spricht einem aus der Seele…
    Mich würde interessieren, wie sich die Situation seit dem Artikel entwickelt hat. Er ist ja immerhin schon aus 2012!

  4. avatar celticwitch sagt:

    Hi, ja würde mich auch sehr interessieren. Wir sind mit unserem „Second-Hand-Hund“ (Terrier-Mix) auch gerade mitten im Training.

    Für die „tutnixe“ habe ich eine eigene Strategie – wenn jemand ruft „der tut nix“ rufe ich automatisch zurück „aber meiner“ unglaublich wie schnell die ihre Hunde anleinen können oder abbiegen – hihi

    Das habe ich früher schon mit meinem anderen Hund (Pit-Bull) so gemacht – nicht weil’s so war, sondern weil wir einfach keinen Bock auf pöbelnde Zwerge hatten die uns den Spaziergang vermiesen.

  5. avatar Ilona Weidner sagt:

    Super geschrieben! Könnte ich sein 🙂 Leider ist mein Hund letzte Woche von einem der freilaufenden Tutnixe an der Leine gebissen worden 🙁 Dabei waren wir schon sooo weit gekommen und er hat sich auch erst ganz ruhig verhalten. Ich konnte diesen Hund einfach nicht fernhalten (kleiner Terrier). Jetzt habe ich Sngst, dass ich wieder komplett von vorne anfangen muss! Ich hätte wirklich ko…. können 🙁

  6. avatar Sarah sagt:

    Toll geschrieben, genauso geht es uns mit unseren Second Hand Terrier. Sobald diese wohlfühl Distanz nicht eingehalten wird ist alles vorbei aber wir trainieren ebenfalls. Hab oft das mit dem Klicker gelesen werde es nun doch mal ausprobieren. Da er gut konditioniert ist auf clicker. Erst wollte ich das nicht da man so viel in der Hand haben muss, Hund , leine, lecker, clicker . Aber danke für den tollen Bericht. Es geht vielen wie euch.

    • avatar Heidi sagt:

      Hallo,

      auch wir arbeiten an der gleichen Problematik…und versuche es auch mit der gleichen Methode, aber statt einem Clicker mache ich ein, na wie soll ich sagen, „Schnalzgeräusch“ mit der Zunge und das klappt ganz gut, und die Zunge hat man ja immer dabei..;o)
      Das wichtigste ist Geduld und Verständnis dafür, wieso mein Hund eben genauso reagiert, wie er es tut.
      Mit Distanzraum schaffen und ruhiger Zuwendung sind wir schon ein Stückchen weiter gekommen…
      Viel Erfolg und Geduld, allen denen es genauso geht und die ihren Hund verstehen und helfen wollen

Kommentar schreiben...


http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_bye.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_negative.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_scratch.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wacko.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yahoo.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_smile.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_whistle3.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_yes.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cry.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_mail.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_sad.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif 
http://markertraining.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_wink.gif