Erlernte Hilflosigkeit

Aktualisiert am 13.07.2016
Beitrag 4 von 6 der Artikelserie: Strafe im Hundetraining
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Jede HundetrainerIn und jede HundehalterIn sollte sich darüber klar sein, dass das Lernen von Hunden sehr stark davon beeinflusst wird, ob sie die belohnenden oder strafenden Konsequenzen vorhersagen können.

Strafe und erlernte Hilflosigkeit

Martina hat in ihrem Artikel über Positive Strafe deutlich gezeigt, dass in der Anwendung von Strafe viele, viele Fehler gemacht werden. Eigentlich ist es unmöglich, die Regeln für Positive Strafe einzuhalten.

Die häufigsten Fehler sind dabei

  • die Strafe wird nicht angekündigt
  • es wird unangemessen hart gestraft
  • es werden übermäßige Schreckreize eingesetzt

Verhaltensstörungen

Wenn Hunde Strafen nicht vorhersehen bzw. nicht kontrollieren können, entwickeln sie häufig Verhaltensstörungen wie Aggressivität, Hyperaktivität oder Ängstlichkeit. Im schlimmsten Fall kommt es dann zur Erlernten Hilflosigkeit.

Mit der Erlernten Hilflosigkeit werden auch Verhalten verbunden wie

  • stoisches Ertragen von Strafen
  • verminderte Schmerzempfindlichkeit
  • „Starrsinn“
  • Lernversagen und Lernresistenz
  • völlige Trainingsverweigerung

Martin Seligman

Der Begriff der erlernten Hilflosigkeit (learned helplessness) wurde 1967 von Martin Seligman geprägt. Er hat Untersuchungen durchgeführt, um herauszufinden, unter welchen Voraussetzungen Menschen Depressionen entwickeln.

Die Versuchstiere (Hunde) wurden in drei Gruppen eingeteilt

  • Gruppe 1: erhält Stromschläge und hat die Möglichkeit, die Stromschläge abzustellen
  • Gruppe 2: erhält zur gleichen Zeit Stromschläge, hat aber keine Möglichkeit, darauf einzuwirken
  • Gruppe 3: Kontrollgruppe

Der Versuch wurde an zwei aufeinanderfolgenden Tagen durchgeführt.

Tag 1

Gruppe 1

Den Hunden werden kurze elektrische Stromschläge verpasst. Sie können die Stromschläge verhindern, indem sie einen kleinen Hebel betätigen. Die Hunde lernen schnell, sofort nachdem die Stromschläge einsetzen, den Hebel zu drücken.

Gruppe 2

Die zweite Gruppe von Hunden wird gleichzeitig mit der ersten Gruppe den Stromschlägen ausgesetzt (yoked control). Sie haben aber keine Möglichkeit, etwas gegen die Stromschläge zu unternehmen. D.h. ihr Verhalten hat keinen Einfluss auf die Stromschläge.

Yoked control bedeutet, dass die zweite Gruppe mit der ersten gepaart ist: Die Hunde erhalten immer zeitgleich mit der ersten Gruppe die Stromschläge. Beide Gruppen erhalten so die genau gleiche Anzahl von Stromschlägen.

Gruppe 3

Die dritte Gruppe von Hunden dient als Kontrollgruppe. Sie befinden sich in einer ähnlichen Umgebung wie Gruppe 1 und 2, erhalten aber keine Stromschläge.

Tag 2

Alle drei Gruppen werden jetzt in einer shuttle-box trainiert. Das ist eine große Box, die aus zwei identischen Abteilen besteht, getrennt durch eine Hürde.

Der Hund sitzt in einem der beiden Abteile und erhält einen Stromschlag. Springt er in das andere Abteil, entgeht er weiteren Stromschlägen.

Der Stromschlag wird durch das Aufleuchten einer Lampe angekündigt.

Ergebnis

Gruppe 1

Die Hunde, die an Tag 1 gelernt haben, dass sie mit einem bestimmten Verhalten die Stromschläge beenden können, lernen schnell, dass sie durch das Wechseln des Abteils den Stromschlag vermeiden können.

Aber nicht nur das: sie verstehen das Aufleuchten der Lampe als Ankündigung des Stromschlags und wechseln nach einiger Zeit schon vor dem Stromschlag das Abteil und vermeiden ihn damit vollständig (Vermeidungslernen).

Gruppe 3

Auch die Kontrollgruppe, die in der ersten Phase keine Stromschläge erhielt, lernt sehr schnell, die Stromschläge zu vermeiden. Die Ergebnisse sind mit denen der ersten Gruppe identisch.

Gruppe 2

Ganz anders die zweite Gruppe. Diese Hunde haben an Tag 1 erfahren, dass sie mit ihrem Verhalten nichts an den Stromschlägen ändern können. Diese Hunde bleiben einfach im Abteil liegen und versuchen überhaupt nicht mehr, den Stromschlägen zu entgehen.

Nur wenige Hunde aus dieser Gruppe versuchen nach einiger Zeit doch dem Stromschlag zu entgehen und zeigen dann ein Vermeidungslernen. Aber selbst diese Hunde waren bei weiteren Wiederholungen nicht in der Lage, dieses Verhalten zu wiederholen.

Konsequenzen fürs Training

Wir wollen Hunde, die freudig mit uns arbeiten. Deshalb bauen wir das Training so auf, dass der Hund eine deutliche Verbindung zwischen seinem Verhalten und der darauf folgenden Konsequenz herstellen kann.

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9 Antworten

  1. avatar Nina sagt:

    Wie würde man das denn wieder auflösen? Mein Hund ist so eine… Mag nix probieren, macht lieber die altbekannten Kommandos als was Neues…

  2. avatar Manu sagt:

    Ich bin jetzt etwas erstaunt. Wenn man mit Strafe arbeitet, dann kündigt man diese nie an. Auch hat der Bestrafte niemals eine Einflussmöglichkeit.
    Gruppe 1 erfährt negative Verstärkung, Gruppe 2 positive Strafe.
    Kann es sein, dass hier zwei Sachen vermischt werden?

    • Manu, leider wird Strafe oft so angewendet, wie du es hier beschreibst: keine Ankündigung der Strafe und der Hund hat keinen Einfluss darauf, kann also der Strafe nicht entgehen.

      Und genau dieses Setting führt bei vielen Hunden in die Erlernte Hilflosigkeit. Der Hund „lernt“, egal, was ich mache, die Strafe kommt immer.

      Positive Strafe und Negative Verstärkung sind zwei Seiten einer Medaille.

      Was meinst du denn, welche zwei Sachen hier vertauscht werden?

      • avatar Marion sagt:

        Noch genauer ausgedrückt: Der Hund lernt nicht, dass die Strafe immer kommt, sondern, dass zwischen seinem Verhalten und der Konsequenz kein Zusammenhang besteht. Damit kann er die Umwelt nicht kontrollieren.

  3. […] Bodein: Erlernte Hilflosigkeit Sonja Hoegen: Erlernte Hilflosigkeit Martina Schoppe: Zu Risiken und Nebenirkungen… Martina […]

  4. Hmm, komisch. Ich habe genau diesen Artikel in meinem neuesten Beitrag verlinkt. Das Pingback funktioniert wohl nicht?

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